Ansprechen statt Anprangern
"Calling in the calling out culture"
Loretta J. Ross

Im aktuellen Podcast des ICF-Deutschland plädiert die über Jahrzehnte engagierte Menschenrechtsaktivistin Loretta J. Ross für eine Kultur des „Calling in“ (~ ein respektvolles, liebevolles Ansprechen von Verletzendem) anstelle eines „Calling out“ (~ meist anonymes, öffentliches Anprangern, z.B. via Social Media).

Ihre Motivation: Es gäbe keinen guten Grund, unsere Welt grausamer zu machen, als sie es schon sei.

„Calling in“

Wir können Menschen nicht ändern. Meine Integrität fordert es mir allerdings ab, mich in einer Weise in dieser Welt zu bewegen, in der die Person zwar ruhig und klar hören kann, dass ich ihre Äußerung, ihr Handeln als verletzend erlebe, sie dabei aber nicht öffentlich beschämt wird. Wer öffentlich beschämt wird, fühlt sich angegriffen, muss abwehren und trägt zur Eskalation bei.

In den verschiedenen Gruppen, die sich für Menschenrechte engagieren, machen wir uns das Leben gegenseitig schwer, wenn wir uns lautstark dafür anprangern, nicht in jeder Situation die angemessene Sprache/Form zu finden (Wie kann jemand tatsächlich nach meiner Rassenzugehörigkeit fragen? Ob ich transgender bin, …). Stattdessen könnten wir uns darüber freuen, dass viele Verschiedene sich für dasselbe Anliegen engagieren, uns auf Fehler respektvoll hinweisen und voneinander lernen.

Auch Menschen, die eines schweren Verbrechens beschuldigt werden und vielleicht sogar angeklagt, verurteilt sind, sind Mitglieder der Menschheitsfamilie.

 

Wie gelingt „calling in“?

Ich vergewissere mich, dass die Verwundungen, die mir geschlagen wurden, nicht mehr bluten. Erst wenn ich stabil genug bin, kann ich der Person mit Respekt und Liebe begegnen, selbst wenn ich vielleicht nicht glaube, dass sie diese verdient. Viel „Calling out“ geschieht, weil Menschen, die verletzt sind, verletzen.

Es in einem nicht-öffentlichen, geschützten Rahmen ansprechen.

Hilfreiche Formulierungen:

  • „Es tut mir leid, ich habe nicht ganz verstanden, was Sie zu sagen versuchen …“ – Diese Worte wirken nicht wie ein Angriff, sondern wie eine Einladung, mehr zu erläutern. Ich schenke Aufmerksamkeit, aber nicht in einer demütigenden, beschämenden Weise.

  • „Bislang war alles gut in unserem Gespräch und jetzt hat sich plötzlich die Atmosphäre verändert. Haben Sie das auch wahrgenommen? Können wir noch einmal zurückgehen und schauen, was da geschehen ist? Können wir da vielleicht etwas anders machen?“

  • „Wissen Sie, ich habe früher Menschen mit 'xy' auch so genannt, aber ich habe gelernt, dass sie selbst es bevorzugen 'zz' genannt zu werden. Ich sage Ihnen das, damit Sie nicht in eine ähnlich peinliche Situation kommen, wie es mir passiert ist, als ich das falsche Wort verwendet habe …“

 

Wann ist es ok, jemanden anzuprangern? Nur „aufwärts“, wenn Menschen ihre Macht und Autorität über andere missbrauchen oder sogar nach unten treten. Es ist nicht mein einziges Mittel: Zuerst ein rasches „calling in“-Angebot und dann, wenn es nichts bewirkt, ins „calling out“ wechseln. Ich bin nicht bereit, länger in diese Person/en zu investieren. Ich möchte sie zur Rechenschaft ziehen. Das meiste unseres „calling out“ findet leider horizontal oder nach unten gegenüber Menschen, die noch verwundbarer sind als wir, statt.

 

Interview mit Loretta J. Ross in der New York Times vom 19. Nov. 2020 https://www.nytimes.com/2020/11/19/style/loretta-ross-smith-college-cancel-culture.html