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(M)ein Stein

Wie können wir verstehen, was etwas zu genau diesem Etwas macht? Nehmen wir einen Stein, diesen ganz bestimmten Stein, der seit zehn Jahren in meinem Regal liegt. Was macht diesen Stein aus?
 

Ein Weg das herauszufinden, kann darin bestehen, den Stein zu vermessen und zu wiegen: Laut DIN 4022 haben wir es mit einem Stein zu tun, da er über 63 mm groß ist. Wir können den Stein zerschneiden und in immer kleinere Teile zerlegen. Es lassen sich Mineralien zu unterschiedlichen Anteilen bestimmen. Wir können ihn möglicherweise zu Zement weiterverarbeiten und damit Ziegel befestigen. Verstehen wir jetzt besser, was diesen Stein ausmacht? Hans-Peter Dürr würde sagen: Wir können ihn „be-greifen“, weil wir ihn manipulieren, d.h. mit unseren Händen nach unserem Willen verändern. Allerdings haben wir nur mehr Teile vor uns, die mit dem Stein kaum mehr etwas gemeinsam haben.
 

Ein anderer Weg zu verstehen, liegt darin, den Stein in der Art und Weise, wie er mit anderem verbunden ist, zu betrachten. Ich habe ihn bei einem abendlichen Spaziergang an den Küsten von Scapa Flow ausgewählt – oder er mich. Der orkadische Wind pfiff um meine Ohren, mein Weg führte mich bei Ebbe entlang der rhythmisch an die Steine schäumenden Wellen. In einiger Entfernung hörte ich Robben rufen. Womöglich vertrat sich genau hier 1780 James Cook nochmals die Beine, bevor er in der wenige hundert Meter entfernten Bucht von Stromness mit seiner Mannschaft zur Weltumsegelung aufbrach. Wie viele Generationen von Mikroorganismen, größeren Lebewesen und Sedimenten, wie viele tektonische Verschiebungen und Überlagerungen hat es wohl gebraucht, bis der Stein Schicht für Schicht so verdichtet vor mir liegt? Wie viele Jahrhunderte mag es gedauert haben, bis im zweimal täglichen Wechsel der Gezeiten im Einfluss der Gravitation von Sonne und Mond der Stein aus einem Felsen losgelöst wurde und so rund wie heute vor mir liegt?
 

Welchen Unterschied macht es, auf die erste oder zweite Weise zu verstehen? “Oh, Sie meinen: Alles ist relativ!“ bringt es Herr Geiger beim Seminar überrascht auf den Punkt. Und ich kann ihm nur zustimmen. Ja, genau das wollte ich auf den Spuren von Albert Einstein, Franz Rosenzweig, Martin Buber, David Bohm, Gregory und Nora Bateson, Hans-Peter Dürr … weitergeben: Alles ist relativ, alles ist in Beziehung. Und es hat Konsequenzen für unsere Art und Weise wahrzunehmen, zu denken und zu handeln.