Navigieren in unbekannten Gewässern

In einer Phase großen Selbstbewusstseins meldete ich mich für eine Ausbildung an. Daher lerne ich aktuell als absolut See-Unerfahrene Theorie für das „internationale Küstenpatent 1“, den Segelschein, um innerhalb von 3 Seemeilen (5,5 km) von der Küste entfernt, segeln zu dürfen. Ich sitze über den Unterlagen und komme beim Kapitel „Navigation“ angesichts meiner Naivität kaum aus dem Staunen: Der geographische Nordpol stimmt nicht mit dem magnetischen überein: ok, das habe ich schon mal gehört, Relevanz für mich bislang gleich 0. Aber nicht nur, dass dieser Unterschied für mehrere Grad Differenz beim zu setzenden Kurs verantwortlich ist. Er bewegt sich von Jahr zu Jahr, weil unser eisenhältiger Erdmittelpunkt „herumschwappt“.

Dann gibt es alle Arten von Seezeichen, die am Tag mit Farben und Formen spielen und in der Nacht in bestimmten Intervallen und Farben mit jeweils spezifischer Bedeutung blitzen, blinken und funkeln – weil Orientierung kostbar ist, v.a. wenn es in Sichtweite nur Wasser gibt oder es finster ist. Nicht zu vergessen die Winde, die vielleicht gerade von der Sahara wehen und langgezogene hohe Wellensysteme bilden. Und dann sind da noch Wolken in verschiedensten Formen und Windrichtungen, die mir das Leben als Seglerin leichter oder doch erheblich schwerer bis gefährlicher machen.

Ich staune angesichts dieser Komplexität in einem Wissensbereich, der viele tausende Jahre alt ist. Weltweit haben Menschen über Generationen ihre Erfahrungen im Umgang mit Wind, Wellen und vielem mehr weitergegeben und vertieft. Auf dem Meer zeigen sich die Kräfte der Natur in all ihrer Dynamik. Alles ist in Bewegung, alles hängt voneinander ab, beeinflusst sich gegenseitig und der Mensch mit seinem Boot und seiner Technik sitzt als Gast irgendwo mittendrin, spielt mit, versucht sein Ziel anzuvisieren und ihm näher zu kommen.

Was gibt Halt und Orientierung inmitten dieses Zusammenspiels so unterschiedlichster bedeutsamer Systeme und Wirkweisen?

  • Achtsames, tieferreichendes Wahrnehmen der Beteiligten in diesem Zusammenspiel: Wie interagieren sie? Was verstärkt sich, was hebt sich gegenseitig auf, was provoziert etwas ganz Neues? Welcher Rhythmus zeigt sich?

  • Demut im Hinblick auf die eigene Rolle: Wir sind nur ein Player unter vielen – und doch macht es einen Unterschied. Vielleicht nicht für das große Zusammenspiel, aber doch für uns selbst. Was entzieht sich kategorisch unserer Verfügbarkeit? Was können und wollen wir beitragen und womit setzen wir unser Boot auf Grund?

  • Vergewisserung der eigenen bewährten Ressourcen:  Wie können wir sie in dieses Zusammenspiel sinnvoll einbringen? Wie müssen wir sie im Abgleich mit jenem, was uns gerade begegnet, hinterfragen, neu betrachten, neu einsetzten?

  • Mut zum nächsten Schritt, weil bei aller Planung und Vorbereitung sich hier und jetzt nochmals alles ganz anders zeigen kann.

  • Sich an den Wind stellen, weil nicht alle Schritte von uns getan werden müssen und der richtige Wind uns Flügel zu verleihen vermag.